Unser gemeinsames gegenwärtiges Projekt: Hochsitzwelten

Vorgeschichte

Beim Ordnen alter s/w-Negative entdeckte ich (AZ) vor einigen Jahren, dass ich erstmals 1992 einen zwischen Sträuchern und Bäumen fast verborgenen Hochsitz aufgenommen habe. In den darauf folgenden Jahren ließ mich der Gedanke Hochsitze zu fotografieren nicht mehr los. Immer, wenn wir spazieren gingen oder wanderten, hatte ich die alte Leica, bestückt mit einem s/w-Film, dabei.

Schließlich kamen meine Frau und ich in einem Gespräch über meine „Hochsitzmanie“ darauf, dass wir ein gemeinsames Kunstprojekt daraus machen könnten: Meine Fotos auf ein hochwertiges Papier gedruckt sollten von meiner Frau künstlerisch unter Verwendung ihrer großen Erfahrung mit Kalligrafie und Aquarellmalerei bearbeitet werden. Ihre eigenen Kunstwerke hatte sie seit Jahren schon in diversen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt.

Warum nun gerade Hochsitze?

Ich glaube, dass mir Hochsitze in der Landschaft durch ihre Nähe und gleichzeitig ihre Ferne zur sie umgebenden Natur aufgefallen waren. Jäger erbauen die Hochsitze für ihre jagdlichen Bedürfnisse und gestalten sie dabei im Hinblick auf ihre naturgegebene Umwelt je nach ihrer persönlichen ästhetischen Sensibilität; Hochsitze sind eine Art Designobjekte. Sie können mit Möbeln, sagen wir Stühlen, verglichen werden, die von Designern für eine bestimmte Einrichtung geschaffen werden, und sich unter Berücksichtigung ihres jeweiligen Zweckes (Eßzimmerstuhl, Fernsehsessel etc.) in die Wohnung ästhetisch einfügen sollen. Der Hochsitz als Funktionsmöbel der Jagd wird allerdings nicht von Profi-Designern, sondern von Design-Laien geschaffen, und wird nicht einem Wohnraum, sondern dem Wald, dem Feld, der Wiese, der Lichtung, dem Gehölz etc. eingepasst, dem Naturraum.

Hochsitze können aber auch als Skulpturen angesehen werden, so wie Gebäude, für die der Begriff der skulpturalen Architektur geschaffen wurde. Wahrscheinlich ist der Jäger kaum darauf aus, ein Kunstwerk zu schaffen, die Funktion ist ihm bestimmt das Wichtigste, aber niemand kommt seinem eigenen ästhetischen Formwillen aus. Als ungewollte Skulptur könnte man deshalb so manchen Hochsitz bezeichnen: Ein dreidimensionales Kunstgebilde, hineinplatziert in die Landschaft, ohne den expliziten Anspruch, ein Kunstwerk zu sein. Aber geben wir doch Joseph Beuys ruhig recht, wenn er sagt  „Jeder ist ein Künstler“. Warum sollte gerade der Jäger, der sich einen Hochsitz zimmert, kein Künstler in diesem Sinne sein?.

Auch die Tradition der „ready made“ Kunst eines Marcel Duchamp läßt sich anführen, will man den Kunstaspekt der Hochsitze begründen, denn Alltagsdinge offenbaren bei besonderer Betrachtung Kunstqualität, wenn man sie abgetrennt von ihrer beabsichtigten Funktion betrachtet.

Bei unseren Wanderungen und Spaziergängen in verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs fanden wir unterschiedlichste Lösungen der funktionalen, konstruktiven und ästhetischen Probleme, die der Bau eines Hochsitzes an den Jäger stellt. Sicherlich ist das der Grund, warum die meisten Hochsitze unverkennbare Individuen sind. Manche davon wirken praktisch, andere spektakulär, einige gemütlich, wieder andere regelrecht schrullig, aber auch geheimnisvolle finden sich.

Dazu kommt, dass Hochsitze ein Schicksal haben. Sie werden geplant, gebaut, für ihren Zweck benützt; sie altern, verwittern, werden zweckentfremdet, werden mutwillig beschädigt, vom Wind, von Menschen, von Tieren zu Fall gebracht.

Der Eindruck, den sie hervorrufen, verändert sich mit der sie umgebenden Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Schlingpflanzen können den Hochsitz umwuchern, ein haltgebender stützender Baum stirbt ab, Gebüsch umschließt das Gebilde Hochsitz mehr und mehr, oder aber der Mensch greift ein, fällt Bäume, rodet Gestrüpp, stellt Strommasten auf, baut nah dem einen einen weiteren Hochsitz, sei es als Ergänzung oder als Ersatz.

Meist waren die Hochsitze, die wir auf unseren Wanderungen gleichsam im Vorübergehen entdeckt haben, aus dünnen Fichtenstämmchen, aus Latten, aus Brettern oder Holzplatten konstruiert, einige mit Tarnnetzen umhüllt; bei anderen sollen wetterfeste Planen den Jäger vor den Unbilden des Wetters schützen. Manche Hochsitze stehen frei, viele lehnen sich an einen oder mehrere Bäume an, gelegentlich ist eine Hochsitzkonstruktion in einen Baum, in sein Geäst hineinkomponiert.

Es gibt auch Hochsitze, die aus Metall bestehen - Hochsitze „von der Stange“, die wohl meist als ganze Konstruktion gekauft, zusammengeschraubt und aufgestellt werden können. Letztere fallen meist markant aus der Natur heraus. Ihr Aussehen reibt sich fast immer an der Ästhetik der sie umgebenden Pflanzen und der Landschaft, was ihnen eine eigentümlich brutalistische Anmutung verleihen kann, obwohl ihre Metall-Konstruktion meist aus filigran wirkenden Elementen besteht. Kleinere, niedriger stehende Hochsitze, sogenannte Ansitze, können aus praktischen Gründen auch auf ein Fahrgestell montiert sein - was ihnen wiederum eine je eigene ästhetische Wirkung erzeugt.

 

Allgemeine Gedanken zum künstlerischen Hochsitzprojekt und zur Entstehung der „Hochsitzwelten“

 

Die reinen Fotografien

 

Die unbearbeiteten Hochsitzfotos leben von der Abbildung des Hochsitzes auf der einen Seite, von der ästhetischen Wirkung von Wald, Wiese, Feld und Hain auf der anderen Seite. Die unbearbeitete Fotografie wird von der Spannung zwischen der naturhaften Umwelt und einem spezifischen Menschenwerk, einem Eingriff in die Natur geprägt.

Für den Jäger besteht die Bedeutung des Hochsitzes darin, ein Mittel  zum Zwecke der Jagd zu sein, das ihm den jagdlichen Abschuss eines Tieres ermöglicht. Diese scheinbar simple Absicht ist jedoch in Wahrheit vielschichtig, weil der Jäger sich seiner menschlichen Natur gemäß sowohl archaisch/instinktiv naturhaft (Jagdtrieb/Jagdleidenschaft) in die Natur hineinbegibt als auch rational (Hege und Erhaltung des Naturgleichgewichtes) und emotional (Wahrnehmen des nächtlichen Waldes mit seiner Ruhe, seinen spezifischen Geräuschen, Gerüchen, nächtlichen Schemen).

 

Für denFotografen ist im Unterschied zum Jäger der Hochsitz in erster Linie die Kombination eines menschengeschaffenen ästhetischen Objektes in seiner naturhaften Umgebung.

 

Wieder anders gestaltet sich die Bedeutung der Hochsitzfotos für deren Betrachter. Diesem fallen vermutlich zuerst die Gegebenheiten der Natur ins Auge. Meist ist ein Waldstück abgebildet, oft eine Landschaft mit Wiesen und Feldern mit Wegen und Straßen, fast immer Natur, die sich anbietet, das Auge in der ihr eigenen Selbstverständlichkeit in sich hineinzulocken. Oder sein Blick wird  gleich von dem abgebildeten Hochsitz gefangen genommen, diesem eigentümlichen, manchmal etwas unbeholfen wirkenden Konstrukt von Menschenhand, das sich erst dann völlig der Natur einpasst, wenn es zerstört am Boden liegend von Pilzen und Pflanzen überwachsen nach und nach verwittert.

 

Die künstlerische Bearbeitung der Fotografien

 

Durch die bildnerischen und kalligrafischen Bearbeitungen kommt nun ein weiteres Spannungsmoment hinzu bedingt durch die neugeschaffene Thematik der malerischen Gestaltungen und der Kalligrafien. Dieses Spannungsmoment ist umso kräftiger, je weniger sich die Bearbeitung direkt mit den Themen Wald und Jagd befasst. In vielen Gesprächen über das gemeinsame künstlerische Projekt erschloss sich uns, dass es nicht reduziert werden sollte, indem z.B. ein bestimmtes Tier oder ein Jäger eingefügt wird, um das Jagd-Thema zu verdeutlichen, es sei denn, Tier oder Jäger werden in irgendeiner Weise verfremdet oder infrage gestellt. Das Ziel sollte immer sein, die innere Auseinandersetzung des Betrachters mit den Bildinhalten und der Ästhetik des Bildkonzeptes offen und lebendig zu erhalten und sie nicht auf von uns konstruierte Bedeutungen einzuengen.

 

Wie dies gelingen kann, zeigt der nachfolgende Artikel von Dr. Angelika Otto über unser gemeinsames Kunstprojekt, der in der Zeitschrift Neurotransmitter 9 September 2022_33. Jahrgang Ss. 74 und 75 abgedruckt wurde. Sie können den Artikel durch Anklicken vergrößern.